Allgemeiner Gehörlosenverein gegr. 1894
vormals Taubstummenverein „Samuel Heinicke

Chronik

Zur Gründungszeit des AGV Essen kannte man die Behinderung „Gehörlosigkeit (Taubstummheit)“kaum. Kommunikationsprobleme und Informationsdefizite gehörloser Menschen waren damals noch größer. Da lag es in der Natur der Sache, das es schon viel früher Bestrebungen der Gehörlosen (damals Taubstumme genannt) gab, sich zu organisieren und zu treffen. Es waren aber vorwiegend lose Gemeinschaften.

Erst 1894 veranlasste der Essener Taubstummenlehrer Eduard Genrich die Gründung eines neuen Vereins. Er erhielt den Namen Taubstummenverein „Samuel Heinicke“ in Erinnerung an den ersten deutschen Taubstummenlehrer. Herr Genrich wurde auch dessen 1. Vorsitzender. Als Besonderheit sei hier erwähnt, dass in diesem Verein nur Männer aufgenommen wurden. Erst nach dem 1. Weltkrieg wurde auch den Frauen die Mitgliedschaft erlaubt.

Nach dem Tode von Herrn Genrich übernahm der Direktor der Essener Taubstummenanstalt Essen, Franz Steppuhn, die Vereinsleitung. Er legte sein Amt aber schon nach einem Jahr wegen Arbeitsüberlastung nieder. Sein Nachfolger wurde erstmalig ein Gehörloser, der Schreiner Wilhelm Natrop. Auch er hielt sich nur ein Jahr und übergab 1913 das Amt des Vorsitzenden an den Schriftsetzer Jakob Dols. Unter der Führung von Herrn Dols konnte der Verein einen Aufschwung verzeichnen. Es gelang ihm, den 1919 gegründeten „Verein ehemaliger Schüler der Essener Taubstummenanstalt“ in den Verein „Samuel Heinicke“ zu integrieren. Dadurch bekam der Taubstummenverein „Samuel Heinicke“ einen beachtlichen Zuwachs.

Jakob Dols setzte sich sehr für die armen und kranken Mitglieder ein, was nicht unumstritten war. Jedoch hat er das Vereinsschiff durch die Kriegs- und Nachkriegsjahre ziemlich heil hindurchgesteuert. Auch sorgte er dafür, dass die Weiterbildungsangebote des Ruhr-Emscher-Taubstummenverbandes von seinen Mitgliedern besucht wird. Der RETV ließ 1923 Bildungskurse einrichten und nach zeitweiliger Unterbrechung im Jahr 1927 wieder aufleben.

Vereinslokal des Vereins war lange Jahre die Gaststätte Berge an der Gutenbergstraße (Ecke Schäferstraße). Im Jahr 1933 schloss sich der Verein „Samuel Heinicke“ mit dem inzwischen neu gegründeten Taubstummenverein „Edelweiß“ zusammen. Anstelle von Jakob Dols wurde Heinrich Siepmann zum Vorsitzenden gewählt. Unter Siepmanns Leitung gab es viele Reformen.

Die wichtigste Reform war die Umbenennung des Vereins in „Allgemeiner Gehörlosenverein gegr. 1894 Essen mit dem Untertitel „Samuel Heinicke“. Die Mitgliederzahl stieg auf über 150 und die monatlichen Versammlungen verzeichneten oft 200 Besucher. Deshalb musste man sich nach einem größeren Vereinslokal umsehen und fand es in der Gaststätte Schonnefeld auf der Huyssenallee neben dem Saalbau. Dieses Lokal, kaum 10 Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, war an den Versammlungstagen Treffpunkt der Gehörlosen aus dem Revier und immer gut besucht.

Bis 1941 leitete Heinrich Siepmann den Verein. Da er nun eine eigene Druckerei zu führen hatte, fehlte ihm die Zeit für sein Vorstandsamt. Im Jahr 1941 trat er zurück. Sein Nachfolger wurde Franz Schreiber, der recht gut zurecht kam mit der Leitung des Vereins. Er war ein liebenswürdiger Mensch mit viel Humor und allseits gut gelitten. Der zweite Weltkrieg weitete sich immer mehr aus. Durch die Bombenangriffe wurden viele Mitglieder um Hab und Gut gebracht, einige starben. Trotzdem waren die Versammlungen stets gut besucht; ein Zeichen, dass gerade in der Not sich die Schicksalsgemeinschaft bewährte. Im März 1944 wurde das Vereinsheim Schonnefeld von Bomben getroffen und brannte aus, mit ihm unser Vereinsschrank mit vielen wertvollen Unterlagen, Fotos und Protokollbüchern.

Dann begann eine schwere Zeit. Immer wieder mussten für den Verein Lokale gefunden werden, die auch schon wieder den Bomben zum Opfer fielen. Man versuchte es in den Vororten, in Frohnhausen, Steele und zuletzt im Café Reppekus in Rüttenscheid. Dort erlebten wir auch das Kriegsende im Jahr 1945. Dann wechselten die Vereinslokale, wo die Versammlungen abgehalten wurden. Dies zeigt nun, dass Gehörlose oft Schwierigkeiten haben, Orte für ihre Versammlungen und Veranstaltungen zu finden. Deshalb überlegte man, in Essen ein Gehörlosenzentrum einzurichten. Viele große Städte haben so eine Einrichtung.

Als Franz Schreiber im Jahr 1949 sein Amt als Vorsitzender niederlegte, folgten ihm in der Vereinsführung jeweils für ein Jahr Fritz Peterburs, Walter Defke und Günter Astroth. Im Jahre 1952 übernahm Walter Defke wieder die Leitung des Vereins und behielt das Amt bis 1979. Unter seiner Leitung und mit tatkräftiger Unterstützung des 2. Vorsitzenden Wilhelm Cammans nahm der Verein in dieser Nachkriegszeit nach und nach einen guten Aufschwung.

Im Jahr 1979 erhielt der Verein zum erstenmal eine Frau als Vorsitzende. Frau Ursula Quest führte den Verein in ihrer unnachahmlicher Art 25 Jahre lang bis 2004.

Dann kaufte der Landesverband der Gehörlosen NRW 1977 ein altes Schulgebäude und ließ sie u.a. auch von gehörlosen Handwerkern renovieren. Man freute sich, endlich ein Gehörlosenzentrum zu haben.

Leider erwies sich der Versammlungsraum im Gehörlosenzentrum für die Versammlungen des AGV Essen zu klein ist. Nach einem Intermezzo im Haus der Begegnung am Weberplatz fand man endlich einen geeigneten Raum im Haus der Arbeiterwohlfahrt. Dort fühlen sich die Mitglieder des AGV bis zum heutigen Tag wohl. Die Versammlungen und Feiern waren und sind dort sehr gut besucht.

Dort ist der Versammlungsraum des AGV Essen.

Haus der AWO,
45127 Essen,
Pferdemarkt 5

Versammlung
jeden 3. Samstag
im Monat ab 14 Uhr

Das 25-jährige Bestehen wurde im Jahr 1919 im Nordpark-Restaurant gefeiert. Ein vergilbter Zeitungsausschnitt aus dem „Essener Stadtanzeiger“ berichtet von einer glanzvollen Feier, an der Beigeordneter Küpper Grüße des Oberbürgermeisters überbrachte und die durch die Mitwirkung des Männergesangsvereins „Concordia“ einen schönen Verlauf nahm.

Weil wegen den Kriegswirren das 50-jährige Bestehen nicht gefeiert werden konnte, wurde das 60-jährige Bestehen im Jahr 1954 im Kammermusiksaal des Saalbaus mit 500 Besuchern gebührend gefeiert.

Auch das 65-jährige Bestehen im Saalbau Kuhaupt in Essen-Kray im Jahr 1959 war ein voller Erfolg.

1964 war dann im Kolpinghaus eine Erinnerungsfeier zum 70-jährigen Bestehen.

Schließlich wurde das 75-jährige Bestehen mit einem reichhaltigen Festprogramm am 25. Oktober 1969 im Kammermusiksaal des Städt. Saalbaues gefeiert.

Die Jubiläumsfeiern alle fünf Jahre wurden in verschiedenen Gemeindesälen begangen.

Die Festveranstaltungen zum 100-jährigen Bestehen waren im Gemeindesaal der St. Gertrudis-Kirche und zum 105-jährigen Bestehen im Saal des Seniorenzentrums in Essen-Altenessen.

Am 20. August 2005 wurde schließlich das 111-jährige Bestehen im Friedrich-Ebert-Seniorenzentrum in Essen-Altenessen mit einem tollen Programm gefeiert. Der vor einem Jahr neu gewählte 1. Vorsitzende Günter Hegemann hat hier mit den anderen Vorstandsmitgliedern und Mitarbeitern die Feuertaufe bestanden. Die Feier war sehr gut organisiert.

Neben den monatlichen Versammlungen und den Feiern aus verschiedenen Anlässen wurde jedes Jahr ein Vereinsausflug durchgeführt. Darauf freuten sich die Mitglieder immer. Dabei konnte man die nähere und weitere Umgebung der Heimat und ihre Kultur kennen lernen.

Nicht unerwähnt bleiben sollen die jährlichen Weihnachtsfeiern, die immer stimmungsvoll und mit kleinen Geschenken für die Mitglieder abgelaufen sind.

Der Verein hat auch stets ein reichhaltiges Programm für die Weiterbildung und Unterhaltung seiner Mitglieder geboten, zum Teil mit Hilfe des Stadtverbandes Essener Gehörlosenvereine.

So hat der Allgemeine Gehörlosenverein Essen gegr. 1894, vormals Samuel Heinicke mit immer neuen Initiativen jetzt 108 Jahre Vereinsgeschichte hinter sich gebracht. Es gab Höhen und Tiefen, neben positiven Erlebnissen auch manche Auseinandersetzung. Diese waren notwendig zum Nutzen der Gehörlosen-Gemeinschaft.

Erda Eybe