40 Jahre Stadtverband Essener Gehörlosenvereine sind eigentlich keine lange Zeit, wenn man bedenkt, dass alle fünf Mitgliedsvereine viel länger bestehen:

Der Allgemeine Gehörlosenverein Essen seit 1894,
der Gehörlosen- Turn- und Sportverein Essen e.V. seit 1910,
der Kath. Gehörlosenverein „Epheta“ seit 1912,
der Ev. Gehörlosenverein Essen seit 1930
und schließlich wurde der Freundschaftskranz der Gehörlosen Essen auch schon im Jahr 1967
gegründet.

Aber es gibt eine längere Vorgeschichte beim Stadtverband.

Der erste Vorläufer, wie das Bittschreiben vom November 1932 zeigt, war wohl der Fürsorge-Ausschuss Essener Taubstummen mit den angeschlossenen Vereinen: Katholischer Taubstummen-Verein, Evangelischer Taubstummenverein und Essener Taubstummen- Turn- und Sportverein.

Aber auch schon in den Fünfziger-Jahren erschienen Berichte des Stadtverbandes der Essener Gehörlosenvereine über Unternehmungen in der Deutschen Gehörlosenzeitung. Dazu besteht eine Eintragung im Gehörlosen-Taschenbuch 1952.

Wann und aus welchen Gründen der Stadtverband aufgelöst wurde, darüber liegen keine Unterlagen vor, dafür aber ein reger Schriftwechsel im Zeitraum von 1964 bis 1968 zwischen dem Direktor der Gehörlosenschule, Dr. Alich, und dem Vorsitzenden des AGV Essen, Wilhelm Cammans. Thema war das Vorhaben, die Essener Gehörlosenvereine wieder zu einem Stadtverband zusammen zu schließen.

Die Gründungsversammlung war dann am 16. Februar 1972 mit anschließender Eintragung in das Vereinsregister am 30. November 1972.

In der Zeit nach der Gründung erreichte es der Stadtverband, dass zu der Beratungsstelle für Schüler der Gehörlosenschule auch die erwachsenen Essener Gehörlosen gehen konnten.

Hier die wichtigsten Ereignisse in chronologischer Reihenfolge:

1977: Der Landesverband der Gehörlosen Nordrhein-Westfalen erwarb das Haus an der Simsonstraße 29. Mitglieder des Stadtverbandes halfen tatkräftig mit an der Renovierung des Hauses. Dort wurde ein Gehörlosenzentrum eingerichtet und am 24.09.1977 eröffnet. Kurz darauf fand im Haus der ev. Kirche der Tag der Gehörlosen statt.

1978   fand der Tag der Gehörlosen in der Grugahalle gleichzeitig mit dem Verbandstag des Landesverbandes der Gehörlosen NRW statt.

Ebenfalls in diesem Jahr wurden erstmals Anträge auf Mittel zur Anschaffung von Schreibtelefonen für die ehrenamtliche Verbands- und Vereinsarbeit gestellt. Diese wurden zum Teil bewilligt.

1979   wurde vom Stadtverband die Deutsch-Israelische Jugendbegegnung vom 14. bis 23. Juni 1979 durch einen finanziellen Betrag unterstützt.

1981   war das Jahr der Behinderten. Vom 25. Juni bis 01. Juli 1981 gab es eine Ausstellung mit vielen Informationen über Gehörlose im Pavillon an der Marktkirche. Dort und im Laufe des Jahres lief eine Unterschriftensammlung für Untertitel im Fernsehen.

Am 26. Sept. 1981 wollte der Stadtverband in der Grugahalle den „Tag der Gehörlosen“ veranstalten. Die Vorbereitungen liefen schon. Aber dann wurde bekannt gegeben, dass der Deutsche Gehörlosenbund in Frankfurt eine bundesweite Veranstaltung anlässlich des „Tages der Gehörlosen“ durchführen wird. So hat der Stadtverband eine Busfahrt zu diesem „Tag der Gehörlosen“ in Frankfurt organisiert und dort die Unterschriftensammlung abgeliefert.

1982   wurde das „Haus der Begegnung“ eröffnet. Zum Erfolg der Eröffnungsfeier trug der Stadtverband nicht zuletzt durch seine tatkräftige Mithilfe bei. Der Stadtverband konnte dort ein Büro einrichten und hatte jeden Montag von 17 bis 19 Uhr Sprechstunden.

Nach zweimaligem Anlauf wurde der Freundschaftskranz der Gehörlosen Essen in den Stadtverband aufgenommen.

1984   wurde die seit 1979 gewährte Freifahrt für Gehörlose im öffentlichen Nahverkehr abgeschafft. Das war ein Schock für alle Gehörlosen. Der Stadtverband und seine angeschlossene Vereine unterstützte mit Spenden und Taten (Unterschriftensammlung) die Aktionsgemeinschaft „Freie Fahrt für Gehörlose“ des Deutschen Gehörlosenbundes und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Elternvertreter und Förderer Deutscher Gehörlosenschulen.

1985   schließlich wurde die Freifahrt wieder eingeführt. Das Wort „Freifahrt“ ist hier irreführend, da jährlich eine Wertmarke (120, -DM) eingelöst werden musste. Damit kann man bestimmte öffentliche Verkehrsmittel im Umkreis von 50 km benutzen.

Von 1985 bis 1988 wurden von verschiedenen Institutionen Schreibtelefone für Essener Mitbürger erbeten, teils mit Erfolg.

1987   wurde das Büro des Stadtverbandes im „Haus der Begegnung“ aufgelöst und in das Gehörlosenzentrum an der Simsonstraße verlegt.

Ab 1988 organisierte der Stadtverband Gesprächskreise. Sie fanden alle 14 Tage mit Themen aus Politik, Gesellschaft, Kultur, Umwelt u.a. statt. 1991 musste dieses Angebot aus finanziellen Gründen eingestellt werden.

1989   wurde die veraltete Satzung des Stadtverbandes neu erstellt und beschlossen.

1990   gab die Stadtverwaltung wegen finanziellen Problemen eine „Streichliste“ heraus. Hier sollte der Zuschuss für den Stadtverband wegfallen, was die Existenz des Verbandes bedrohen würde. Nach Eingaben machte die Stadt Essen einen Rückzieher.

1992   wurde das 20-jährige Bestehen des Stadtverbandes mit einem Ausflug nach Moers gefeiert.

Im gleichen Jahr wurde die Arbeitsgemeinschaft der Gebärdenkursleiter/innen Essen gegründet. Ihr Antrag auf Aufnahme in den Stadtverband wurde zunächst zurückgestellt.

Seit 1993 gibt es eine engere Zusammenarbeit zwischen dem Stadtverband und dem

Deutschen Schwerhörigenbund, Ortsverein Essen und dem Arbeitskreis schwerhöriger und ertaubter Menschen.

1994   stieg nach längerer Vorbereitungszeit in Zusammenarbeit mit dem Internat der Hörgeschädigten-Berufsschule die erste Karnevalsparty in der Zeche Carl.

1995   wurde zusammen mit dem DSB Essen ein gemeinsamer Antrag an die Stadt Essen auf Übernahme der Dolmetscherkosten für Veranstaltungen der Stadt Essen, für Sitzungen der ARGE „Hilfe für Behinderte“, für Informations- und Kulturveranstaltungen gestellt.

1996   hat die Otto-Knaudt-Stiftung 4000 DM für die Dolmetscherkosten zur Verfügung gestellt. Im Jahr darauf sollten diese Mittel im Haushaltsplan der Stadt Essen berücksichtigt werden.

Zwischen der Stadt Essen und dem Stadtverband wurde schließlich ein Kooperationsvertrag geschlossen und so hat der Stadtverband zumindest bis 1999 Anspruch auf den Stadtzuschuss.

Der Höhepunkt des Jahres war dann der „Tag der Gehörlosen“ am 28. September 1996 auf der Kettwiger Straße. Der Stadtverband war mit einem Stand vertreten und gab selber auch ein Infoblatt über seine Arbeit, seine Aufgaben und seine Mitgliedsvereine heraus.

1997   feierte der Stadtverband Essener Gehörlosenvereine sein 25-jähriges Bestehen im
Kammermusiksaal des Saalbaues mit einem interessanten Programm. Eine Festschrift wurde erstellt.

1998   sind die Mittel für Dolmetscherkosten doch nicht im Haushaltsplan der Stadt Essen berücksichtigt. Deshalb wurde wieder mit dem Deutschen Schwerhörigenbund Essen ein Antrag an die Otto-Knaudt-Stiftung auf Mittel für die Dolmetscherkosten gestellt und bewilligt.

1999   wurde ein Rahmenvertrag zur Sicherung der sozialen Dienstleistungen in Essen und als Anlage ein Kooperationsvertrag zwischen dem Stadtverband Essener Gehörlosenvereine und der Stadt Essen über den DPW unterzeichnet. Der Stadtzuschuss ist somit für 5 Jahre gesichert.

2001   bemühte sich der Stadtverband zusammen mit dem DSB Essen intensiv um weitere Bewilligung der Mittel für Dolmetscherkosten.

2002   wurde ein Girokonto bei der Bank für Sozialwirtschaft eingerichtet. Die Kündigung des Girokontos bei der Postbank erfolgte zum Ende des Jahres.

2003   erhielt das langjährige Vorstandsmitglied Ursula Mönkhoff das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Die Arbeitsgemeinschaft der Gebärdenkursleiter/innen in Essen wurde aufgelöst und ist deshalb automatisch nicht mehr Mitglied im Stadtverband.

Der Anspruch auf Mittel für Dolmetscherkosten wurde endlich vertraglich festgelegt und wirkt sich positiv auf die Arbeit des Stadtverbandes aus.

2004   erhielt der Stadtverband im Haus der Begegnung die Möglichkeit, nach Bedarf jeden Freitag oder auf Anfrage an anderen Tagen eine Besprechung oder eine Sitzung im Raum Nr. 4 abzuhalten. Der Raum wird vorwiegend für Sprachkurse benutzt. Eine Schrankwand wurde angeschafft und aufgestellt.

Von 2004 – 2006     wurden in Zusammenarbeit mit der VHS Essen Computerkurse zuerst für Senioren/innen und später zusätzlich auch für Berufstätige angeboten. Der vom Stadtverband gestellter Kursleiter war der Gebärdensprache mächtig. Das ersparte Kosten für Dolmetscher. Leider mussten die Kurse trotz großem Interesse eingestellt werden wegen Terminproblemen des Referenten.

2005   wurde die Rahmenvereinbarung vom Stadtverband und von der Stadt Essen unterschrieben. Die Laufzeit beträgt zwei Jahre und verlängert sich um weitere zwei Jahre, wenn sie nicht mit einer Frist von einem Jahr vor Ablauf der Vertragszeit von einem der Vereinbarungspartner gekündigt wird.

2006   nahmen 10 Personen vom Stadtverband auf Einladung der Bundestagsabgeordneten Petra Hinz an der politischen Bildungsfahrt nach Berlin teil. Sie dauerte vier Tage.

Am 21.12.2006 ist Hans Rademacher im Alter von 87 Jahren gestorben. Er war von 1972 bis 1976 und 1980 bis 1986 1. Vorsitzender des Stadtverbandes Essener Gehörlosenvereine e.V. und von 1986 bis 1989 der 2. Vorsitzende.

2007   besteht der Stadtverband 35 Jahre. Dieses Jubiläum wurde im Rahmen der Jubiläumsfeier aus Anlass des 25-jährigen Bestehens des Hauses der Begegnung begangen.

Auf dem Weberplatz hatte der Stadtverband einen kleinen hübsch dekoriert en Stand, der mit Infomaterial bestückt war.

2010   war das Jahr der Kulturhauptstadt Essen. Deshalb fand am 27.06.2010 in Essen (Grugapark) anstatt in Xanten der „Tag der Begegnung“ statt. Der Stadtverband Essener Gehörlosenvereine und der Gehörlosen- Turn- und Sportverein 1910 Essen e.V. beteiligten sich mit einem Stand und stellten ein Pavillon auf.

Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 17. September 2010 wurden Satzungsänderungen (Ehrenamtspauschale) beschlossen und beim Amtsgericht eingetragen.

Arbeitsgemeinschaft „Selbsthilfe behinderter Menschen in Essen“

Im Jahr 1980 trat der Stadtverband in die Arbeitsgemeinschaft „Hilfe für Behinderte“, jetzt „Selbsthilfe behinderter Menschen in Essen“, ein. Seitdem nehmen regelmäßig Vorstandsmitglieder des Stadtverbandes mit Gebärdensprachdolmetscher an den Mitgliederversammlungen der ARGE teil, um dort die Interessen der gehörlosen Mitbürger zu vertreten.

Auch bei den Sitzungen des Arbeitskreises Sozialpolitik sind Vertreter des Stadtverbandes stets dabei. Dort werden Probleme der Behinderten erörtert, Anregungen und Vorschläge gesammelt. Der Forderungskatalog der Hörbehinderten wurde 1993 erstellt und seitdem abgearbeitet.

Seit 2007 läuft „Signet Barrierefrei“, eine Aktion der „ARGE Selbsthilfe behinderter Menschen in Essen“. Ziel und Anspruch dieser Aktion ist es, Barrierefreiheit in der Stadt Essen durch eine Auszeichnung und Kennzeichnung von barrierefreien Gebäuden, öffentlichen Verkehrsflächen und sonstigen öffentlichen und privaten Einrichtungen zu erreichen. An den Sitzungen des Prüfungs- und Entscheidungsgremiums „Signet Barrierefrei“ nahm unsere Vorsitzende Frau Mönkhoff als Beraterin teil. Dabei kann sie mit dem DSB Essen die Interessen der Gehörlosen vertreten.

Arbeitskreis Essener Gehörlosenarbeit

1989 wurde dieser Arbeitskreis eingerichtet zwecks Zusammenarbeit mit den verschiedenen Organisationen und Institutionen der Hörgeschädigten in Essen, die mit und für Gehörlose arbeiten. Dazu gehören neben dem Stadtverband die Schulen, die Beratungsstellen, der Landesverband der Gehörlosen, das Internat der Hörgeschädigten-Berufsschule u.a. Mehrmals im Jahr wird zu einer Sitzung eingeladen. So wurde ab 1994 jedes Jahr eine Karnevalsparty in der Zeche Carl veranstaltet.

Ebenfalls in der Zeche Carl fanden Aufführungen der verschiedenen Gehörlosentheater und Ausstellungen gehörloser Künstler statt.

2000 wurde der Arbeitskreis Essener Gehörlosenarbeit wegen Teilnehmermangel aufgelöst.

Aber bis jetzt wird jährlich einmal zu einer Sitzung des Arbeitkreises der Schwerhörigen / Ertaubten, des Stadtverbandes Essener Gehörlosenvereine und den Organisationen, die mit den Hörgeschädigten zu tun, haben einberufen. Es werden verschiedene Themen behandelt und über die Arbeit des vergangenen Jahres berichtet.

Bildung und Kultur

In den ersten Jahrezehnten des Bestehens des Stadtverbandes gastierte das Deutsche Gehörlosentheater jährlich in Essen. Der Stadtverband machte intensiv Werbung für diese Aufführungen und verkaufte Eintrittskarten. Auch später wurden und werden die Gehörlosen über die anstehenden Aufführungen der verschiedenen Theater für Hörgeschädigte informiert.

Außerdem ermöglichte der Stadtverband den Gehörlosen die Teilnahme an unzähligen Führungen, Besichtigungen, Vorträgen, Fortbildungen usw. Es werden Angebote gemacht, Dolmetscher engagiert, Anmeldungen gesammelt und das Vorhaben ausgeführt.

Seit 1997 engagierte sich der Stadtverband jedes Jahr in der Messe „Mode, Heim, Handwerk“.

Dort hat er neben dem Stand des DSB Essen einen eigenen Tisch mit reichhaltigem Infomaterial über die Gehörlosenszene. Dabei gibt es Beratungen und Auskünfte werden erteilt.

Erda Eybe